Seit vielen Jahren engagiert sich Andrea Wüschem in unterschiedlichsten Bereichen des Ehrenamts. Seit den 1990iger Jahren war sie für die Tanzgarde, bei den Sportschützen und im Flerzheimer Kindergarten sowie in der GGS Sürster Weg im Einsatz. Heute übernimmt die 44-Jährige unentgeltlich Verantwortung im Karneval, in der Elternvertretung bis hin zum Hundesport und im Sparclub „Alte Post“. Im Interview spricht die Beamtin im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt über Gemeinschaft, Brauchtum und den Stellenwert ehrenamtlicher Tätigkeit in der Gesellschaft.
Andrea, Du bist in zahlreichen Ehrenämtern aktiv. Wie kam es dazu?
Meine Eltern waren beide bei den Sportschützen aktiv. Dadurch bin ich schon früh mit Vereinsleben in Berührung gekommen. Später kam ich in die Tanzgarde und habe dort erlebt, wie schön Gemeinschaft und Zusammenhalt sein können. Als ich älter wurde, habe ich festgestellt, dass immer mehr Vereine Schwierigkeiten hatten, Menschen für Verantwortungsposten zu finden. Manche Angebote wurden sogar eingestellt, weil niemand mehr Aufgaben übernehmen wollte. Da habe ich mir gesagt: Bevor etwas aufhört, packe ich lieber selbst mit an. So bin ich Schritt für Schritt in verschiedene Ehrenämter hineingewachsen.
Die thematische Spannbreite Deiner Ehrenämter ist groß. Gibt es einen gemeinsamen Nenner?
Ja, eindeutig die Gemeinschaft. Ob Karnevalsverein, Schule oder Hundesportverein – überall geht es darum, Menschen zusammenzubringen und füreinander da zu sein. Gerade in kleineren Städten und Dörfern ist das wichtig. Vereine schaffen Begegnungen. Dort wird gelebt, was oft verloren geht: Gegenseitige Unterstützung, Zusammenhalt und das Gefühl, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.
Du engagierst Dich besonders im Karneval und bei der KG Oberdrees, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Was bedeutet Dir das?
100 Jahre Vereinsgeschichte sind etwas Besonderes. Das zeigt, dass Tradition gepflegt wird, aber gleichzeitig auch die Bereitschaft vorhanden ist, sich weiterzuentwickeln. Gerade das macht die KG Oberdrees aus. Der Brauchtumsgedanke wird bewahrt, gleichzeitig öffnet man sich für Neues. Dass ich heute als Frau im Vorstand mitarbeite, zeigt beispielsweise, wie sich Strukturen weiterentwickeln können.
In Oberdrees sind die berühmten Rosen für die Karnevalswagen ein Markenzeichen. Was steckt dahinter?
Das Rosendrehen ist eine wunderbare Tradition. Menschen verschiedener Generationen treffen sich und fertigen gemeinsam die Papierrosen für die Karnevalswagen an. Dabei sitzen Jugendliche neben Menschen, die weit über 80 Jahre alt sind. Wissen und Tradition werden weitergegeben, und gleichzeitig entsteht Gemeinschaft. Genau das macht den Reiz aus.
Was fasziniert Dich am Karneval besonders?
Karneval lebt von Toleranz und Gemeinschaft. Der Satz „Jeder Jeck ist anders“ beschreibt das sehr gut. Menschen kommen zusammen, lachen miteinander und akzeptieren sich so, wie sie sind. Dabei geht es nicht nur um Feiern. Es geht um Wagenbau, Sitzungen, gemeinsames Organisieren und um das Miteinander im Dorf. Man kennt sich, man unterstützt sich, und man kann auch über sich selbst lachen.
Neben dem Karneval bist Du Vorsitzende der Schulpflegschaft am Städtischen Gymnasium Rheinbach. Welche Aufgaben gehören dazu?
Wir sind die Verbindung zwischen Elternschaft und Schule. Dabei geht es um ganz unterschiedliche Themen – von Fahrplänen über Unterrichtsorganisation bis hin zu neuen Schulprojekten. Wir vertreten die Interessen der Eltern, vermitteln bei Fragen und Problemen und bringen uns in wichtige Entscheidungen ein. Mir ist wichtig, dass Eltern wissen: Sie haben Ansprechpartner, die ihnen zuhören und sie unterstützen.
Was für die Rückmeldungen erlebst Du in Hinblick auf ehrenamtliches Engagement in der heutigen Zeit, wo es oft „hip“ ist, wenig Zeit zu haben?
Die sind überwiegend positiv. Natürlich hört man manchmal Sprüche wie: „Die Andrea macht das schon.“ Aber das stört mich nicht. Ich mache diese Aufgaben mit Überzeugung. Wenn man etwas verändern möchte, muss man selbst aktiv werden. Nur zu kritisieren bringt niemanden weiter. Außerdem möchte ich meiner Tochter vorleben, dass Engagement etwas bewirken kann.
Haben Vereine heute größere Schwierigkeiten, Ehrenamtliche zu finden?
Ja, das spürt man deutlich. Viele Menschen haben wenig Zeit oder andere Prioritäten. Hinzu kommt, dass digitale Medien oft einen Teil der persönlichen Begegnungen ersetzen. Früher traf man sich im Verein, beim Sport oder bei Veranstaltungen. Dadurch entstand automatisch Gemeinschaft. Heute wird das schwieriger.Umso wichtiger ist es, Kindern und Jugendlichen vorzuleben, wie wertvoll ehrenamtliches Engagement sein kann.
Was würdest Du Menschen sagen, die überlegen, sich zu engagieren?
Ein Verein bietet viel mehr als nur eine Aufgabe. Man findet Unterstützung, Freundschaften und oft auch Menschen, die mit ihrer Lebenserfahrung wertvolle Impulse geben können. Gerade der Austausch zwischen den Generationen ist etwas Besonderes. In Vereinen helfen sich Menschen gegenseitig – nicht nur bei Vereinsangelegenheiten, sondern oft auch darüber hinaus.
Dein persönliches Fazit?
Ehrenamt ist immer ein Geben und Nehmen. Man investiert Zeit und Energie, bekommt aber sehr viel zurück: Gemeinschaft, Unterstützung, Erfahrungen und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu bewirken.Und genau deshalb lohnt es sich, Verantwortung zu übernehmen.
Hören Sie die ganze Folge im Podcast
Interview auf Basis des Podcast-Gesprächs „Reingehört – Ehrenamt des Monats Juni“